Interview
Was bedeutet für Sie LESEN?
Lesen regt meinen Gedankenfluss an, es bereichert mein Wissen über Menschen und
ihre Gefühle und ihr Zusammenleben, es befriedigt meine Neugier auf die Welt und
ihre Geheimnisse, es hilft mir in die Vergangenheit zurückzuschauen, die Gegenwart
besser zu verstehen und auf die Zukunft zu vertrauen.
Was bedeutet für Sie SCHREIBEN?
Beim Schreiben ordne ich meine Gedanken. Indem ich schreibe, baue ich mit der
Sprache etwas auf, was vorher nicht bestanden hat. Ich kann mir eine Wirklichkeit
erfinden, die außerhalb meines Lebens liegt und trotzdem zu mir gehört.
Warum schreiben Sie gerade für Kinder und Jugendliche?
Ich habe viele Jahre mit Kindern gelebt und gearbeitet und dabei erfahren, wie sehr
sie sich über Geschichten freuen, wie gern sie Abenteuer im Kopf erleben und wie
eifrig sie mit ihrer eigenen Fantasie weiterfabulieren. Es kann gar nicht genug
Geschichten geben, deshalb schreibe ich weiter. Auch für erwachsene Leute.
Wie wichtig ist Ihnen beim Schreiben der/die Adressat/in (der/die unbekannte
Leser/in)?
Wenn ich eine Geschichte schreibe, ist es die Freude an der Geschichte selbst, die
mich antreibt. Aber es kann vorkommen, dass ich einem Kind begegne, während ich an
einem Text arbeite, dann habe ich es beim Schreiben vor Augen und erzähle für
dieses Kind. So wie ich Geschichten für meine Tochter geschrieben habe, die sie als
erste lesen durfte. Bei den Texten für den Unterricht schrieb ich immer für die
jeweilige Schulklasse, die ich gerade unterrichtete. Die Mädchen und Buben kamen
mit ihren Namen in den Geschichten vor, deshalb beeilten sie sich gute Leser zu
werden. Das war besonders bei den Erstklasslern wichtig. Bis zum Ende des
Schuljahres entstand jeweils ein spezielles "Klassenbuch".
Gib es Themen, die Sie nicht loslassen, die Sie schon öfters in Ihren Texten
angegangen sind?
Kinder, mit denen nicht genug geredet wird, Kinder, die einen geheimen Kummer mit
sich herumtragen, Jugendliche, die sich von den Erwachsenen missverstanden fühlen
und Hilfe bräuchten, Menschen, die einsam sind.
Meinen Sie, dass Geschichten die Wirklichkeit beeinflussen und ändern können?
Ich glaube, dass Geschichten unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit beeinflussen
können, aber nicht die Wirklichkeit selbst. Lesen kann unsere Einstellung, unsere
innere Haltung beeinflussen. aber etwas verändern können wir nur, indem wir etwas
tun, lesen und denken allein genügt nicht.
Wie fühlen Sie sich, während Sie an einem neuen Buch arbeiten?
Jede neue Arbeit gibt mir einen innerlichen Schubs in eine neue Richtung, ich denke
unaufhörlich an die Figuren und an die Handlung der Geschichte, an die nächsten
Ereignisse, und ich muss zwischendurch meine Ideen notieren, damit sie mir nicht
wieder entwischen. Wenn aus irgendeinem Grund eine Arbeitspause entsteht, dann bin
ich ärgerlich und zappelig. Aber manchmal muss ich auch abschalten und für ein
Weilchen aus der Geschichte "aussteigen", dann lese ich Bücher von anderen
Autorinnen und Autoren oder ich erhole mich, wenn ich mit meiner Familie beisammen
bin, wenn ich ins Kino gehe oder mir im Fernsehen einen Film anschaue. Musik hören
lenkt mich ab, mitsingen und tanzen erfrischt. Nur Spazierengehen nützt nichts,
denn beim Gehen kann ich mir Dinge besonders gut ausdenken, und meistens habe ich
dann keinen Block bei mir um die Einfälle aufzuschreiben.
Welchen Stellenwert hat Humor für Sie?
Ein Buch zu lesen, indem kein Humor zu spüren ist, ermüdet und betrübt mich. Allein
oder gemeinsam über humorvolle Stellen in Geschichten zu lachen, macht mich froh.
Wenn mir jemand sagt, er habe beim Lesen eines Textes schmunzeln müssen, freue ich
mich sehr.
Wären Sie nicht Autorin, welcher Beruf wäre für Sie vorstellbar?
Als ich in Innsbruck die Handelsakademie besuchte, langweilte ich mich in manchen
Fächern sehr, weil sie mich überhaupt nicht interessierten. Ich mochte nur den
Unterricht in Deutsch und in den Fremdsprachen. Musik und Zeichnen gab es an diesem
Schultyp gar nicht. In der Freizeit nahm ich Schauspielunterricht und machte in
Wien die Bühnenprüfung. Ein unangenehmes Erlebnis mit einem Intendanten hat mich
dann abgeschreckt, und ich habe mich bei keinem Theater beworben, sondern die
Ausbildung zur Volksschullehrerin begonnen und die Pädagogische Akademie
absolviert. Als ich heiratete und einen Sohn und eineTochter bekam, dachte ich
nicht mehr an die Möglichkeit Schauspielerin zu sein. Deutsch, Musik und Englisch
habe ich am liebsten unterrichtet. Ich bin zufrieden mit meinen Berufserfahrungen.
Jetzt freut mich am meisten die Arbeit als Autorin.