Interview
Was bedeutet für Sie LESEN?
Lesen ist für mich eine Quelle für Glückselemente - Lesen bringt mich richtig in
"Leseflow". Bücher ermöglichen es mir, in literarische Welten einzutauchen und
total darin zu versinken. Und das schon seit meiner Kindheit. Du geh lesen!, hörte
ich oft, wenn ich im Haushalt helfen wollte. Das VORlesen vor jungem Publikum und
Leseratten wie mir bedeutet mir seit einigen Jahren allerdings mindestens genau
soviel wie das Lesen.
Was bedeutet für Sie SCHREIBEN?
Schreiben ist für mich eigentlich noch beglückender als Lesen: Obwohl ich erst spät
damit begonnen habe, war die Freude an der Sprache schon immer in mir, und
mittlerweile kann ich mir ein Leben ohne Schreiben gar nicht mehr vorstellen. Für
Kinder niederschreiben, was sich vor allem während meines Lebens in Mexiko an
Bildern, Eindrücken und Emotionen in meinem Kopf angesammelt hat, ist mittlerweile
Teil meines Lebens. Schreiben ist für mich ein vielseitiger Prozess: Von den ersten
zaghaften Schritten eines neuen Textes, dieser Aufregung des Anfangs ausgehend,
entwickelt sich nach und nach ein Textgerüst, das ich mit Sprachspielen, Magie und
Märchen, Legenden und Skurrilem ausbaue. Natürlich ist Schreiben nicht nur Lust-
und Sucht -; sondern auch harte Arbeit: Aber wie erfüllend ist das Glücksgefühl,
wenn das vollendete Werk von den jungen Lesern angenommen wird und sie begeistert
meinen Lesungen lauschen.
Warum schreiben Sie gerade für Kinder und Jugendliche?
Ich liebe es, für dieses ehrliche Publikum zu arbeiten, seine Offenheit und
direkten Reaktionen. Bei Kindern und Jugendlichen merkt man schnell, ob sie sich
beim (Vor-)Lesen langweilen oder ihnen ein Buch gefällt und sie sich von ihm
begeistern lassen. Jede Lesung ist wieder eine Herausforderung, die Kinder von
meinen Büchern zu überzeugen - diese Arbeit liebe ich. Ich glaube auch deshalb,
meine Zielgruppe gefunden zu haben, da ich mich bereits während des Schreibens
recht gut in meine Leser "hineindenken" kann. Einen kindlichen Blick auf die Dinge
habe ich mir bis heute bewahrt.
Wie wichtig ist Ihnen beim Schreiben der Adressat (der unbekannte Leser)?
Ich nehme die Sorgen und Probleme der Kinder ernst, beschäftige mich auch viel mit
Kinderpsychologie und versuche ich meinen Büchern stets aus der Sicht eines Kindes
zu schreiben - was mir leicht fällt, da ich mir, wie gesagt, einen kindlichen Blick
bewahrt habe. Wenn ein unbekannter Leser beispielsweise nach einer Lesung zu einem
Bekannten wird, ist das jedes Mal wieder ein sehr erfreuliches Gefühl.
Gibt es Themen, die Sie nicht loslassen, die Sie schon öfters in Ihren Texten
angegangen sind?
Der Blick in fremde und fantastische Welten mit allen Schönheiten und Problemen
fasziniert mich - vermutlich aus dem Grund, weil ich mich selbst vor Jahren in
einer fremden Welt zurechtfinden musste. Kinder müssen sich auch oft in Welten
orientieren, die ihnen fremd erscheinen. Meine Texte sollen auch dieses
Lebensgefühl der Kinder widerspiegeln. Dabei fließen ebenfalls aktuelle Themen wie
Handymania, Integration und Toleranz mit ein. Zusätzlich ist es mir auch ein
Anliegen, Lebensfreude zu vermitteln, den Kindern Mut zu machen und ihnen
Trostpflaster zu spenden. Allem voran möchte ich jedoch die Magie des Alltags
einfangen und spannende Märchen der Gegenwart schreiben. Auch das Spiel mit der
Sprache darf jedoch nicht zu kurz kommen - das ist mir ein besonders zentrales
Bedürfnis. Es gibt auch Figuren, die in meinen Texten immer wiederkehren, wie zum
Beispiel Geschwisterpositionen, im Speziellen Zwillinge, wie ich sie als Mutter von
eineiigen Zwillingstöchtern selbst kennenlernte, oder die Großeltern, im Besonderen
die liebevolle Opa-Figur aus meiner eigenen Familie.
Meinen Sie, dass Geschichten die Wirklichkeit beeinflussen und ändern können?
Geschichten können durchaus Lösungsmöglichkeiten für Probleme des Lesers bieten und
Veränderungen bei ihm bewirken - schon allein, indem sie den Blick auf Ereignisse
verändern. Wer hat nach dem Lesen eines Romans nicht schon das Leben mit anderen
Augen gesehen?
Wie fühlen Sie sich, während Sie an einem neuen Buch arbeiten?
Beflügelt und voller Elan. Wenn sich meine Geschichten täglich weiter entwickeln
und die Figuren zu vollem Leben erwachen, lebe ich mich total in die von mir
geschaffenen Welten hinein. Manchmal fliegen mir die Ideen im Schlaf richtiggehend
zu und beim Aufwachen schwirren sie mir alle im Kopf herum. Das kann dann und wann
auch stressig sein, da ich mich im Laufe einer Nacht voller Energydrinks und
Fruchtgummis erst nach vielfachem Überarbeiten für eine endgültige Version
entscheiden kann, die für meine jugendlichen Leser gut genug ist.
Welchen Stellenwert hat Humor für Sie?
Ganz klar, dass ein Buch die Kinder auch zum Lachen bringen soll. Das kommt ganz
ihrem Spaßbedürfnis entgegen. Außerdem hilft Humor ja neben einem Schuss Magie und
Skurrilität meinen Figuren dabei, Probleme zu bewältigen. Amüsieren sich meine
Zuhörer bei meinen Lesungen, lacht mir bei jedem Kinderlacher auch selbst das Herz.
Wichtig ist mir im Übrigen auch, dass meine Leser Sprache als etwas Lustiges und
Kreatives erleben und vielleicht selbst zu sprachspielerischen Experimenten
ermutigt werden.
Wären Sie nicht Autorin, welcher Beruf wäre für Sie vorstellbar?
Da ich sehr gerne reise, wäre ich vielleicht Weltenbummlerin, Managerin eines
Strandhotels oder von Leichtathletik-Meetings - immerhin reichte es als Sprinterin
und Hürdenläuferin zu einigen Meistertiteln -, vielleicht auch Mayaforscherin in
Mexiko, wo ich lange gelebt habe. Filmemacherin ist auch ein Beruf, der mir
gefallen könnte… für eine Klavierspielerin in einer Oldie-Band bin ich bei weitem
nicht gut genug, deshalb gebe ich mich auch weiterhin vollauf mit meinen Auftritten
auf diversen Lesebühnen zufrieden.