Karen-Susan Fessel
Lebenslauf
Porträtfoto der Autorin: Gabi Ahnert
*15.12.1964 in Lübeck (Deutschland)
1983 Abitur am Ludwig-Windthorst-Gymnasium in Meppen/Ems 1983-1991 Magisterstudium
der Theaterwissenschaft, Germanistik und Romanistik an der Freien Universität
Berlin 1992 Hospitanz in den Abteilungen Hörspiel und Feature
des ORB
Seit 1994 freie Schriftstellerin (Belletristik, Kinder- und Jugendliteratur,
Sachbücher), Journalistin und Dozentin. Lesungen, Vorträge und Workshops im In- und
Ausland, u.a. in der Ev. Akademie Bad Boll, im Baltischen Schriftstellerzentrum
Visby/Schweden und den Goethe-Instituten Riga/Lettland, Tallinn/Estland,
Vilnius/Litauen und Skopje/Mazedonien.
Seit 1996 zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, u. a. das
Alfred-Döblin-Stipendium, das Stipendium für Kinder- und Jugendliteratur der
Stiftung Preußische Seehandlung, das Stipendium im Baltic Centre für Writers and
Translators, Visby/Schweden und das Märkische Literaturstipendium. Zahlreiche
Auszeichnungen, insbesondere für die Kinder- und Jugendbücher, z. B. den
Zürcher Kinderbuchpreis "la vache qui lit für "Ein Stern namens Mama", den
Taiwan Book Award für "Steingesicht" und die Nominierung zum Deutschen
Jugendliteraturpreis für "Und wenn schon!"
In den Büchern von Karen-Susan Fessel, die teilweise in mehrere Sprachen übersetzt
wurden und als Theaterstücke vorliegen, geht es oft um sozialkritische und
schwierige Themen wie den Umgang mit Außenseitern, Krankheit und Tod: "Das Leben
ist nicht immer lustig und leicht. Aber Bücher lesen kann helfen. Und wenn eines
meiner Bücher auch nur einen einzigen Menschen tröstet, ihm Mut oder Freude macht
oder hilft, andere Menschen besser zu verstehen, dann hat sich für mich das ganze
Schreiben schon gelohnt!" (aus: Oetinger Lesebuch, Almanach 2001/2002, Verlag
Friedrich Oetinger, Hamburg 2001)
Karen-Susan Fessel lebt und arbeitet in Berlin.
Honorare
Dauer einer Lesung: zw. 60 und 90 min
Karen-Susan Fessel liest auch vor mehreren Schulklassen und bis zu 100 Zuhörern; ab
50 Zuhörern bitte ein Mikrofon bereitstellen
Honorare nach Absprache mit der Autorin
Interview
Was bedeutet für Sie LESEN?
Lesen war für mich schon als Kind ausgesprochen wichtig - durch Bücher hat sich mir, die ich in einer Kleinstadt aufgewachsen bin, die Welt eröffnet. Auch heute noch ist das so. Jeder von uns hat sein eigenes Leben, seinen eigenen Körper, seine Gedanken und Gefühle. Durch Lesen kann man aber noch viel mehr Leben leben.
Was bedeutet für Sie SCHREIBEN?
Schreiben ist mein Traumjob, das war schon so, seit ich fünf Jahre alt bin. Und beim Schreiben kann ich diese vielen anderen Leben noch intensiver erleben. Es ist Beruf und Berufung und genau das, was ich will und was mich glücklich macht.
Warum schreiben Sie gerade für Kinder und Jugendliche?
Meine eigene Jugend liegt zwar schon Jahrzehnte zurück, aber diese Zeit, in der sich das Leben ganz neu eröffnet und in der Kummer und Glück extrem dicht beieinander liegen, diese Zeit ist mir immer noch nah. Und ich habe große Sympathien und viel Verständnis für Jugendliche, auch, wenn sie sich oft unmöglich benehmen- deshalb schreibe ich für sie die Bücher, die ich als Jugendliche gern selbst gelesen hätte.
Wie wichtig ist Ihnen beim Schreiben der/die Adressat/in (der/die unbekannte Leser/in)?
Die oder den LeserIn habe ich nicht unbedingt beim Schreiben im Kopf - da schreibe ich einfach. Aber später, beim Überarbeiten, versuche ich mit fremden Augen zu lesen. Ich weiß auch, dass ich Verantwortung habe für Gefühle, die ich in meinen Lesern auslöse, gerade bei den schwierigen Tabuthemen, die ich oft bearbeite. Umso wichtiger ist mir, dieser Verantwortung mit Sorgfalt zu begegnen.
Gibt es Themen, die Sie nicht loslassen, die Sie schon öfters in Ihren Texten angegangen sind?
Ja, sicher - eben jene Tabuthemen: den Umgang mit Außenseitern oder Dingen wie schwerer Krankheit, Tod, Homosexualität, Armut. Und die Liebe natürlich!
Meinen Sie, dass Geschichten die Wirklichkeit beeinflussen und ändern können?
Das hoffe ich: Dass meine Bücher andere vielleicht trösten, unterhalten und ihnen auch manchmal die Augen öffnen können. Und Respekt für einander fördern, auch wenn der andere vielleicht seltsam aussieht oder sich komisch verhält.
Wie fühlen Sie sich, während Sie an einem neuen Buch arbeiten?
Sehr angespannt, aber auch glücklich, sobald es läuft. Und fast ein wenig traurig, wenn ich dann fertig bin und mich von den Personen verabschieden muss.
Welchen Stellenwert hat Humor für Sie?
Einen ziemlich wichtigen - aber mehr in meinem Privatleben als in meinen Büchern. Ich bin ein ziemlich humorvoller Mensch, meine Bücher sind es aber nur bedingt. Weil man nicht allem mit Humor begegnen kann. Aber mit Aufmerksamkeit.
Wären Sie nicht Autorin, welcher Beruf wäre für Sie vorstellbar?
Sängerin, das wäre ich auch gerne geworden, und das habe ich auch eine Weile angestrebt. Aber nicht etwa Opernsängerin - nein, sondern mit einer eigenen Band, mit eigenen Texten. Vielleicht auch Schlagersängerin, ganz ehrlich! Und natürlich auch mit eigenen Texten…
Leseprobe
"Bei Wumpe tobte mal wieder der Bär. Kurz vor Ladenschluss ist der Laden immer gerammelt voll mit gestressten Leuten, die eilig ihre Einkaufswagen vor sich herschieben, und ich musste höllisch aufpassen, dass ich nicht angefahren wurde.
Die Frischmilch war natürlich schon ausverkauft, also schnappte ich mir eine
H-Milch und schlängelte mich zum Ausgang durch. An allen drei Kassen standen lange
Schlangen, aber an Kasse zwei saß meine Lieblingskassiererin, die dünne Rothaarige,
die immer so nett zu uns ist, besonders zu Luke. Ich stellte mich also dort an,
direkt hinter einem dicken Mann mit Stiernacken, der seinen ganzen Wagen voller
Billigbier und Schnaps geladen hatte und mürrisch vor sich hin brummelte. Vor uns
standen mindestens noch sechs oder sieben Leute, aber an den anderen Kassen sah es
auch nicht besser aus. (…) Und ich war gerade endlich mal ein paar Zentimeter
vorgerückt, als mir jemand von hinten mit seinem Wagen voll in die Hacke
fuhr. (…)Einen Moment lang sah ich nur Sterne. Dann fluchte ich los. `Ej,
Scheiße, aua!´ Ich griff nach meinem Fuß und hüpfte herum. `Mann, verdammte
Kacke!´
Und im nächsten Moment vergaß ich meinen schmerzenden Fuß gleich wieder. Ich vergaß
auch, wie wütend ich war. Und ich vergaß sogar, weiter herumzuhüpfen. Stattdessen
konnte ich nur dastehen und glotzen, mit offenem Mund. Denn vor mir stand das
süßeste Mädchen der Welt.
(…) Sie sah mich schuldbewusst an. `Oh, Entschuldigung´, sagte sie. `Tut mir echt
leid, ehrlich!´
(…) Wahrscheinlich wirkte es total dämlich, wie ich da stand und glotzte, auf einem
Bein, mit meinem Fuß in der einen Hand und der H-Milch in der anderen. Aber ich
konnte es leider nicht ändern.
(…) `Hups!´, sagte das Mädchen und schlug sich die Hand vor den Mund. `Oh Mann! Tut
mir wirklich leid, war keine Absicht. Hab ich dir wehgetan?´
Meine arme lädierte Hacke brannte immer noch wie Hölle, aber ich schüttelte
natürlich den Kopf und versuchte, cool auszusehen. Keine Ahnung, ob mir das gelang.
Wahrscheinlich nicht. `Nö´, krächzte ich schließlich. ´Nö, gar nicht.´
Und dann ließ ich endlich meinen Fuß los und stellte mich normal hin. Das Mädchen
lächelte immer noch. `Ach so, dann hast du nur einfach so rumgebrüllt?´
(aus: Achtung, Mädchen gesucht!, ab 11, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2008, Seite 7-9)

